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DIE RIESENTOMATE

In Rico Plage gibt es etwas außerhalb der eigentlichen Anlage einen Gemüsegarten.
Dort wird biodynamisch Gemüse angebaut in Einklang mit der Natur, ohne künstliche Dünger und Giftstoffe, die anderswo als »Pflanzenschutzmittel« oder Insektenvernichtungsmittel verwendet werden. Einzig der liebevolle Umgang mit dem Boden, den Tieren und Pflanzen sowie die Unterstützung durch Wassergaben läßt dort alles gedeihen. Es gibt keine Ordnung, wie sie vorgeschrieben wird in so manchem Garten und auf so manchem Feld. Alles wächst miteinander und durcheinander, alles hilft sich gegenseitig, Kräuter und Gemüse, Obst und Blumen.
Was wachsen möchte, wächst.
Was keine Lust dazu hat, weil es vielleicht schlecht gelaunt ist, macht eine Pause. Was lieber als Nahrung für Tiere existieren möchte, geht den Weg des Futters.
Es gibt kein »möglichst viel Ertrag rausholen wollen.«
Es gibt Freude über das, was geschenkt wird.
Es gibt Freude über jede Frucht und jedes Blatt.
Keine Pflanze wird gezwungen so zu wachsen wie der Mensch es will. Jede kann sich frei entfalten, solange sie Rücksicht nimmt auf die anderen und ihnen nicht
das Licht oder die Luft nimmt.

Vögel, Eidechsen, Mäuse und Katzen regulieren das tierische Gleichgewicht, so daß keiner zuviel für sich beansprucht und niemand allein bestimmt was im
Garten wachsen darf und was nicht.
Doch es gibt ein Abkommen.
Jeder Bewohner erhält seinen Anteil.
Die, die sich aktiv jeden Tag um alles kümmern, damit es allen gutgeht, erhalten den größten Teil.
Die anderen erhalten den Zehnten.
Für die einen ist es ein Salatkopf zwischendurch, für die anderen Blätter oder Wurzeln. Es gibt keinen Streit miteinander, denn es ist genug für alle da.
An diesem Morgen gab es jedoch einen neuen Bewohner, jemanden, der noch nicht dagewesen war.
Er war nicht groß, eher klein.
Er war weiß und hatte direkt seine ganze Verwandtschaft mitgebracht. Wenn man genau hinsah, dann meinte man einen winzigen Grashüpfer sehen zu können.
Es war aber keiner, obwohl er genauso weit springen konnte und auch fliegen.
Er hatte die Angewohnheit, alles wohin er kam als seinen Besitz zu beanspruchen. Wo er stand und saß, begann er sofort ein Gespinst aus weißen Fäden zu errichten, das bald die Triebe der Brombeeren, Gräser und anderer Pflanzen umschloß. Nicht nur das, er fühlte sich so wohl, daß er beschloß all seine Kinder hier zur Welt zu bringen und die beschlossen den Eltern nachzueifern.
Es war ein Krabbeln und geschäftiges Arbeiten überall im Garten. Alle Generationen versuchten sich häuslich einzurichten und ihre eigenen Behausungen zu schaffen. Schon nach wenigen Tagen sah es aus als ob jemand überall Zuckerwatte verteilt hätte. Aber nicht einfach willkürlich, sondern immer dort wo die jungen Triebe dabei waren zu wachsen und die jüngsten Blätter sich entrollten.
Die Bewohner des Gartens kannten die Neuankömmlinge nicht.
Die Neuen hielten sich für etwas Besseres. Sie hatten gar nicht die Absicht sich vorzustellen oder mit den anderen zu teilen. Es ging ihnen darum, möglichst bald
alles für sich alleine zu haben.
Die Eidechsen mochten sie nicht als Nahrung.
Den Katzen war das Gespinst zu klebrig.
Den Mäusen hüpften sie einfach davon und nachdem die erste Meise eine halbe Stunde brauchte, um ihren Schnabel wieder von den klebrigen Fäden freizubekommen, hatten auch die anderen Vögel kein Interesse daran den neuen Bewohner zu probieren.
Sie hielten sich an keine Abmachung, weder freundliches Bitten noch energisches Auftreten der Menschen halfen.
Ein Absammeln und Wegbringen war ebenfalls sinnlos, denn sobald man in ihre Nähe kam, sprangen sie in hohem Bogen davon. Übrig blieb der weiße Fadenbelag, der unschön aussah, aber die Pflanzen nicht am Wachsen hinderte.
Was wollen die überhaupt hier? fragten sich die Bewohner des Gartens.
Sie sind nicht so gefräßig wie die Schnecken, die in einer Nacht einen ganzen Salat fressen können, wenn er ihnen angeboten wird.

Auch die Blattwanzen hatten größeren Appetit, wenn sie an ihrer Paprikapflanze herumknabberten. Außer daß sie alles zuklebten beim Bauen ihrer Wohnungen und sich massenweise vermehrten, war noch kein Schaden zu erkennen, den sie anrichteten.
Vielleicht wollten sie erst so zahlreich sein, daß sie alles auf einmal auffressen konnten, wenn sie gemeinsam loslegten.
Vielleicht war ihr Ziel, den Garten über Nacht zu einer Wüste werden zu lassen, wo am nächsten Morgen nur noch zwei, drei Wurzelhälse aus einem kahlgefressenen
Boden herausschauen sollten.
Unter den anderen Bewohnern gab es lebhafte Diskussionen.
Wie sollte man sie loswerden?
Schließlich hatten sich hier alle bestens arrangiert.
Es gab für jeden genügend zu essen und zu trinken, auch in der heißen Sommerzeit. Alle konnten dort wohnen, wo sie immer gewohnt hatten und jetzt kamen diese Fremden und wollten ihren gemütlichen Alltag zerstören, wollten ihnen das bequeme Leben kaputtmachen, wollten ihnen Nahrung, Arbeit und Zuhause
stehlen.
Wer hatte die überhaupt gerufen?
Wer hatte sie eingeladen hier zu sein?
Mußte man sich nicht zusammensetzen und einen Plan finden um sie zu vertreiben oder, wenn sie es nicht anders wollten, alle zu töten?
War es nicht unverschämt wie sie sich aufführten?
Setzen sich dreist und frech auf die saftigsten Triebe und beanspruchten die jüngsten Blätter für sich. Im Grunde genommen lebten sie jetzt auf Kosten der
anderen, denn nur weil die anderen sich immer an die Ordnung gehalten hatten und immer sparsam gewesen waren, damit sie nie mehr als das Zehntel, das ihnen
zustand, aufgefressen hatten, konnten die sich jetzt überall breitmachen.
Die Wanzen begannen zu jammern.
»Hätten wir uns doch überall über die jüngsten Blätter hergemacht und nicht nur bei den Pflanzen, die uns zugeteilt waren. Dann wären wir jetzt alle viel dicker und fetter und hätten eine riesengroße Familie und dann wären die Fremden gar nicht erst gekommen, weil die besten Plätze ja längst weggefressen gewesen wären.«
Die Meisen piepsten dazwischen.
»Hätten wir von Anfang an besser aufgepaßt und wären nicht so gutmütig gewesen den ersten Fremden nicht sofort aufzufressen, dann hätten wir jetzt nicht den
Salat.«
Nur die Schnecken waren relativ ruhig, denn an ihren Salat gingen die Fremden nicht dran. Denen waren wohl die Blätter zu geräumig. Anscheinend bevorzugten sie schmalere Behausungen.
Es wurde noch viel hin und her geredet und von »laßt sie doch bleiben, sie tun doch keinem wirklich was,« bis »schmeißt die Fremden sofort raus, sie sind unser aller
Untergang,« und »wenn die sich so weiter vermehren, bleibt ja kein Fleckchen mehr für unsere eigenen Kinder übrig,« war allerhand vertreten.
»Die sollen doch erst mal unsere Sprache lernen und gefälligst freundlich guten Morgen sagen, bevor die sich hier breit machen.«

Irgendwie kam das alles einem der neuen Bewohner zu Ohren.
Er stammte aus der vierten Generation und weil er sich wirklich heimisch fühlen wollte, hatte er begonnen wachsam zu sein und alle Brocken, die er an Unterhaltungsfetzen mitbekam, zu verstehen versucht, um die fremde Sprache zu lernen.
Für die anderen war das nicht so wichtig, die sagten immer »unsere wirkliche Heimat ist ganz woanders, wir sind ja nur hier, weil man uns hierhin gebracht hat.
Eigentlich wollten wir gar nicht hierhin, denn zu Hause, weit weg von hier, da leben ja unsere Verwandten.
Irgendwie werden wir schon einen Weg finden zurückzukehren, aber damit wir in der Fremde nicht ganz allein sind, wollen wir mit möglichst vielen dicht beieinander wohnen und unsere eigenen Bräuche leben, damit das Heimweh nicht zu groß ist.
Was sollen wir die neue Sprache lernen, wir gehen ja bald wieder zurück, sobald sich eine Möglichkeit ergibt und wenn man uns schon hierhin gebracht hat, dann ist
es ja nur normal, daß wir hier auch wohnen und unsere Nahrung finden können.«
Warum die schönsten Plätze noch zur Verfügung standen, das war ihnen nicht klar, denn von einer Absprache wußten sie nichts und die fremde Sprache verstanden sie nicht.
Es war doch eigentlich alles in Ordnung.
Sie waren unter sich, bauten fleißig ihre Häuser, taten niemandem etwas und verhielten sich ansonsten möglichst unauffällig.
Die anderen konnten noch nicht einmal sehen wovon sie sich ernährten.
Ganz so sahen es aber die anderen nicht.

Für sie waren die Fremden eine Bedrohung, denn sie hielten sich nicht an die Ordnung.
Vielleicht würden die Menschen ja jetzt auch ihre Absprache nicht einhalten und mit Gift reagieren anstatt mit Verständnis. Dann würden sie alle untergehen und für die Fremden mitbezahlen.
Der Fremde wagte sich ganz vorsichtig in die Nähe der Gesprächsrunde und sagte in einem Sprachmischmasch aus piepen, flöten, zirpen und pfeifen,
»guten Tag, ich möchte freundlich um die Erlaubnis bitten etwas zu euch sagen zu dürfen.«
Zunächst lachten alle über die schlechte Aussprache, weil er noch nicht einmal perfekt Hochgartensprache sprechen konnte.
Dann wurde Empörung laut, »welch eine Unverschämtheit, der hat gelauscht und wagt uns in unserer Besprechung zu stören. Wir sollten sofort mit ihm anfangen und ihn vertreiben.«
Doch da kam die Schnecke dazwischen und sagte in ihrem langsamen, gemütlichen Tonfall, »nuuur nichts üüberstüürzen, bleibt gaaanz ruhig uund gelassen, zuuu
schnelles Bewegen und Handeln bringt niiichts als Ärger. Am Besten ist, jeder zieht sich kurz in seine eigenes Haus zurück, packt sich an die eigene Nase und
kommt dann entspannt wieder hierhin, um einfach zuzuhören. Das kostet kein Salatblatt und davon verdirbt keine Paprika. Wir werden doch nicht den gleichen Fehler machen wie viele Menschen und direkt mit der Keule zuschlagen, wo ein vernünftiges Gespräch auch helfen kann.«
»Du hast gut reden,« sagten die Wanzen, »euer Salat ist ja fremdenfrei, in unseren Paprikas wimmelt es davon.Wenn es so weitergeht, müssen wir noch auswandern.«
»Nun mal halblang,« meldete sich da der blinde Regenwurm, »ich seh' zwar nicht was hier oben vor sich geht und weiß nicht wie vieles aussieht, aber ich höre gut und habe von dem Fremden nur eine freundliche Bitte vernommen. Da war kein böses Wort dabei.
Wenn ihr euch über ihn lustig macht wegen seiner Sprechweise, dann müßtet ihr euch mal selbst reden hören, wie jämmerlich das klingt. Wenn ich bedenke, daß ihr alle auf der Gartenschule wart und sprechen und kratzen gelernt habt, trotzdem macht ihr Fehler und sprecht oft für den anderen kaum verständlich. Dagegen war das, was er gesagt hat, eine richtige Leistung.
Immerhin hat er aus vielen Dialekten die richtigen Worte ausgewählt und einen sinnvollen Satz gebildet, was man von euch oft nicht behaupten kann.
Da wird meistens geredet ohne zu denken.
Da werden Phrasen gedroschen und Katastrophen an die Wand gemalt, ohne den geringsten Durchblick zuhaben. Also hört auf die Schnecke, beruhigt euch und laßt den Fremden sprechen.«
Widerwillig hörten die übrigen auf den Regenwurm und setzten sich hin mit abweisendem Gesichtsausdruck, um zu hören was da nur Ungutes kommen konnte.
Der Fremde bedankte sich dafür, daß er sprechen durfte und sagte was ihm wichtig schien.
»Wir kennen uns nicht besonders gut. Ihr geht uns aus dem Weg und wir gehen euch aus dem Weg. Ihr lebt in euren Häusern und wir in unseren. Ein gegenseitiges
Besuchen gab es bisher nicht. Wir sind als Fremde hier in diesen Garten gekommen, weil wir hierhin gebracht wurden. Wir kannten diesen Ort vorher nicht und wußten gar nicht, daß er überhaupt existiert und wie es hier aussieht.
Wir kommen von ziemlich weit her. Alleine hätten wir diese Entfernung wohl niemals zurücklegen können, aber ein Mensch packte meine Urgroßeltern aus Versehen zusammen mit seinen anderen Dingen in eine Tasche und ließ sie nicht mehr heraus. So gelangten sie in eine riesige Maschine, die schnell große Entfernungen
überbrücken kann, ohne mit den Füßen den Boden zu berühren.
Eine ganze zeitlang war es stockdunkel und bitterkalt, dann aber fing alles an umherzuwackeln in der Tasche und meine Urgroßeltern wurden mächtig durcheinandergeschüttelt.
Sie flogen hin und her und konnten keinen richtigen Halt finden, doch immerhin wurde es wieder angenehm warm.
Dann nach einer Weile öffnete sich die Tasche und ein Ding nach dem anderen wurde daraus entfernt.
Als sich immer noch niemand um meine Urgroßeltern kümmerte, beschlossen sie sich selbst umzusehen und eine Möglichkeit zu suchen zurück nach Hause zu
kehren.
Alles war ihnen fremd, bis auf die Farben, die Luft, das Wasser und die Erde.
Sie kannten die Bewohner nicht. Alle sprachen eine fremde Sprache. Niemand war bereit, ihnen Auskunft und Hilfe zu geben. Also orientierten sie sich nach dem
Magnetfeld der Erde und zogen dorthin, wo sie glaubten zu Hause zu sein. Im Osten. Denn dort konnten sie morgens die Sonne über dem Meer aufgehen sehen.

Schließlich erreichten sie die Küste. Hier gab es kein Weiterhüpfen mehr. Doch auch hier sah es anders aus als zu Hause. All ihre Lieblingsspeisen gab es hier
nicht. Zuerst hungerten sie, weil sie nicht wußten ob all das eßbar war, was sie sahen oder ob es ihnen bekommen würde.
Dann, als sie einsahen, daß es nicht weiterging auf eigenen Füßen, begannen sie vorsichtig zu probieren, doch auf den Weinfeldern wurde ihnen übel. Sie bekamen fürchterliche Bauchkrämpfe und Durchfall und so manche schön anzuschauende Pflanze schmeckte bitter, wenn sie all die toten Insekten darauf herumliegen sahen, die das Pech gehabt hatten eine zeitlang vor ihnen dort probiert zu haben.
Schließlich gelangten sie hier in den Garten.
Hier war alles lecker und niemand schien krank zu sein.
Alle waren für ihr Verständnis gesund und munter.
Sie sahen, daß die Menschen versuchten möglichst niemandem wehzutun und kein Zuhause zu zerstören.
Da beschlossen sie hierzubleiben und wenn sie schon nicht nach Hause zurück konnten, hier ihr neues Zuhause aufzubauen.
Sie begannen ihre Wohnung in den Spitzen der Brombeeren einzurichten, aber bald schon war sie zu klein, weil meine Großeltern und all ihre Geschwister auf die Welt kamen und so bauten sie neue Wohnungen, für jeden eine und nach und nach waren
sie nicht mehr alleine in der Fremde, sondern hatten ihre eigene Heimat gebaut.
Leider hatten sie vergessen mit euch Kontakt aufzunehmen und eure Sprache zu lernen und eure Ordnung und eure Regeln zu erfragen und eure Gewohnheiten zu
übernehmen, damit sie nicht Fremde bleiben, sondern ein Teil der Gemeinschaft werden.
Sie wußten nichts von eurem Vertrag mit den Menschen.
Sie wußten nicht, daß ihr Probleme bekommt, wenn sie Häuser bauen.
Sie konnten nicht wissen, daß Häuser bauen hier als etwas Gefährliches und Bedrohliches angesehen wird.
Sie holten ihre Nahrung ja nach Möglichkeit außerhalb des Gartens, damit keiner sich beschweren konnte von den Nachbarn, daß sie ihm etwas wegnahmen und dort, wo sie ihre Häuser bauten, schien niemand anders wohnen zu wollen, denn da war alles frei.
Auch die Menschen interessierten sich nicht für diese Plätze. Also dachten sie, dort ihr Zuhause aufzubauen würde niemanden stören.
Dann nach einer Weile, als sich niemand beschwert hatte, dachten ihre Enkel, sie könnten ja auch im Garten selbst ihre Wohnungen bauen und zogen um.
Da begann der Ärger.
Offensichtlich war das ein Fehler.
Wir wollten euch aber nicht ärgern oder schaden.
Wir haben nur einen Ort gesucht, wo wir in Ruhe leben können. Doch inzwischen sind viele von uns krank geworden. Wir wissen nicht wodurch, aber es muß mit
dem Land hier zusammenhängen. Irgend etwas bekommt uns nicht. Am Anfang schien es hier keine Schwierigkeiten zu geben und meine Großeltern und Eltern wuchsen zufrieden auf. Dann aber begannen sie krank zu werden. Es muß mit dem Wetter zusammenhängen oder mit der Luft. Vielleicht ist es auch, weil hier die Sterne anders stehen.
Jedenfalls werden wir immer weniger.

Ihr braucht euch also keine Sorgen zu machen, daß wir euch schaden könnten. Wir hätten nur gerne einen Ort, wo wir zu Hause sein können, denn in die Heimat der
Urgroßeltern können wir nicht wandern, weil das Wasser dazwischen liegt.
Wir können euch also nur bitten uns hier solange zu dulden, bis wir alle gestorben sind, wenn wir keine Hilfe erhalten oder erfahren was der Grund ist.«
Bedrücktes Schweigen herrschte in der Runde.
Bisher hatten die meisten die Fremden als Gefahr angesehen.
Jetzt, wo sie auch die andere Seite gehört hatten, erkannten sie plötzlich, daß es Opfer waren, daß sie erst heimatlos gemacht wurden, dann in der Fremde in Gettos lebten, um wenigstens ein Gefühl von Heimat zu haben, wenn sie schon nicht mit offenen Armen aufgenommen wurden und dann diese Krankheit, die sie alle
hinwegzuraffen schien, unheimlich.
Nach einer Pause des Schweigens lief eine ganze Gruppe von Bakterien zusammen.
Es waren so ungefähr tausend.
Sie sprachen als gemeinsamer Chor, weil sie sonst überhört worden wären.
»Wir kennen den Grund für die Krankheit der Fremden. Es ist ganz einfach zu erklären. Ihr seid hier in einen gesunden Körper gekommen. Hier war alles aufeinander abgestimmt. Dann kamt ihr als Fremdkörper und brachtet fremde Bakterien mit, die eure Urgroßeltern in der Hosentasche hatten. Sofort machten sie sich daran sich hier auszubreiten und beabsichtigten Land zu erobern, denn es waren solche von der Sorte Anaerobia, die sich nur im Gestankwohlfühlen und wo's keine Luft zum Atmen gibt. Deshalb kam die Bakterienfeuerwehr und hat sie einen
nach dem anderen mit frischer Luft weggepustet. Aber da eure Urgroßeltern sie hergebracht hatten, waren sie verantwortlich für diesen Angriff und andere Bakterien haben dann begonnen euren Urgroßeltern und den anderen klarzumachen, daß sie dorthin zurückkehren sollen, woher sie gekommen sind und daß wer Unfrieden bringt und Krieg und Gewalt, nicht erwünscht ist in einem gesunden Körper und daß er
diesen sofort wieder zu verlassen hat oder eben sich selbst zerstört, weil er nicht auf die Mahnung hört.
Wir haben natürlich nicht gewußt warum das alles so gekommen ist. Jetzt ist das etwas anderes. Wir werden die neuen Informationen weitergeben und ihr werdet von uns aus bleiben können, wenn ihr euch bereit erklärt dieselben Regeln zu akzeptieren, die hier für alle gelten. Wenn ihr auf Gewalt verzichtet und auf Unfrieden stiften und das Ausgrenzen, wenn ihr also wirklich ein Teil der Gemeinschaft werden wollt und die Sprache des Gartens und die Umgangsformen annehmt.
Wer von euch dazu bereit ist, den werden unsere Bakterien nicht dazu bewegen das Land zu verlassen.
Wer es aber nicht ist, der wird gehen, und zwar schnell, oder dem Beispiel der anderen folgen.
Du siehst, miteinander reden führt immer zu einem Ergebnis und wenn nicht der Regenwurm und die Schnecke hier für euch eingetreten wären und dir Gehör verschafft hätten, dann wäre vielleicht großes Unrecht geschehen. So kann alles noch in Ordnung kommen und niemand wird einen Schaden haben.

Wenn die Menschen sehen, daß wir das Problem selbst lösen und uns als Gemeinschaft der Tiere an den Vertrag halten, dann werden auch sie nichts machen was euch oder uns schaden könnte.«
Heftiger Applaus brach aus.
»Hoch leben die Bakterien.«
»Die Kleinsten sind die Größten.«
»Was wären wir ohne die Bakterien.«
Nachdem sich der Applaus wieder gelegt hatte, bedankte sich der Fremde und versprach diese Informationen an seine Familienangehörigen weiterzugeben und
den Vertrag zu akzeptieren.
Er zog sich zurück und die anderen überlegten wie sie möglichst schnell den Menschen eindeutig klarmachen konnten, daß keine Gefahr bestand und sich alles von selbst durch sie zum Guten regelt.
»Das geht nicht alleine,« sagte die Meise, »wir können ja schlecht Loopings fliegen und Purzelbäume schlagen oder sollen wir ein Wanzenballett aufführen?
Wir können auch nicht eine Nachricht auf ein Blatt kratzen.
Die Menschen würden das ja nicht lesen können.
Was also können wir machen?«
Da reckte sich der Regenwurm ganz groß empor mit einem knallroten Kopf.
»Ich will ja nicht vorlaut sein, aber ich habe eine Idee.
Wir brauchen etwas Auffälliges, das nicht übersehen werden kann, das etwas Besonderes ist, aber nichts Unnatürliches, das nicht gefährlich ist und gleichzeitig
ein Geschenk. Es muß aber so ungewöhnlich sein, daß jeder Zweifel unmöglich ist, daß es sich um etwas ganz Gewöhnliches oder Zufälliges handelt. Wir brauchen
etwas Gigantisches, etwas Monumentales, so in der Größe eines Elefanten etwa.«
Alle sahen ihn an als ob er den Verstand verloren hätte.
Da lachte er schallend los und rief, »rot und leuchtend muß es sein und schön anzuschauen. Eine Frucht brauchen wir, eine riesengroße Frucht als Geschenk.«
Stille.
Alle sahen ihn an und dachten dasselbe.
Vollkommen übergeschnappt.
Das kommt davon, wenn man zu lange aus dem Boden raus ist und einem die Sonne aufs Hirn scheint.
Sogleich kam die Meise angehüpft und stellte sich hinter ihn, damit er etwas Schatten bekam. Dann fächelte sie ihm mit ihren Flügeln kühlende Luft zu.
»Hollah, Frau Meise,« sagte der Regenwurm, »das ist aber sehr aufmerksam von Ihnen, doch mir geht's prächtig.
Euch fehlt nur die Vorstellungskraft.
Ihr kennt doch alle einen Kürbis. Das ist doch eine große Frucht, oder nicht?«
»Ja.«
»Mhm.«
Allgemeine Zustimmung.
»Was ist denn besonders an einem Kürbis?« fragte die Maus.
»Na anscheinend, daß er so groß ist, aber für uns kommt er nicht in Frage, denn große Kürbisse findet man ja immer wieder,« sagte der Regenwurm, »das mit dem Elefanten war natürlich eine Scherz. Zu groß darf die Frucht auch nicht sein, sonst wissen die Menschen gar nicht was sie damit machen sollen und bestaunen sie nur, aber nehmen das Geschenk nicht an, denn die ist ihnen dann viel zu schade zum Essen und irgendwann verschrumpelt unser Geschenk.«
»Das ist ja alles schön und gut,« sagte die Stinkwanze, »aber wie sollen wir denn eine Frucht zusammenbekommen?
Sollen wir es etwa wie der Mistkäfer machen und eine rollen, um sie dann anschließend bunt zu machen?«
»Tolle Idee,« sagte der Regenwurm, »das wird bestimmt zu Begeisterungsstürmen bei den Menschen führen, wenn sie die falsche Frucht an die Nase halten.
Neinnein, so geht das nicht.
Wir sind ja nicht allein in diesem Garten. Es geht schließlich um unser aller Wohl. Die Pflanzen bekämen natürlich auch etwas ab, wenn die Menschen uns mit Gift verjagen wollten. Denen würde dann auch übel werden und ganz blau vor den Augen. Ihre Blattfarbe würde wahrscheinlich gelb werden und am Liebsten würden sie weglaufen.
Das heißt, wir werden sie fragen, ob sie uns bei unserer Idee helfen wollen.«
Einen Moment lang herrschte Stille, dann sagte die Wanze, »prima Idee, dann geh' doch rum und frag' mal alle, wer bereit ist eine Riesenfrucht als Spende zu schaffen. Wir warten hier solange, aber komm' bitte vor morgen früh wieder zurück. Grab' also nicht wieder einen Tunnel fünf Meter unter der Erde, sondern benutz' den direkten Weg. Wer will kann dich ja begleiten, falls es Probleme gibt.«
Sofort machte sich der Regenwurm auf den Weg.
Eine Abordnung Bakterien setzte sich auf seinen Rücken.
Die Schnecke wollte ihn begleiten, aber der Regenwurm bedankte sich und meinte, im Sinne der Zeitvorgabe wäre es besser diesmal etwas zügiger zu gehen.
Da gesellte sich noch unerwartet der Fremde zur Runde dazu und bot seine Begleitung an.
Der Regenwurm nahm sie dankend an, denn es war der Beweis dafür, daß der Fremde versuchte sich für alle einzusetzen und wirklich mit zur Gemeinschaft gehören wollte.
Die kleine Gruppe zog munter drauflos.
Sie besuchte Paprikas und Zucchinis, Gurken und Weintrauben, Auberginen und Tomaten.
Nach der Befragung aller hatten sie schließlich jemanden gefunden, der versuchen wollte das Unmögliche möglich zu machen.
Sie stand ganz hinten am Ende des Gartens.
Die anderen um sie herum waren alle viel größer.
Sie hatte sich nach dem Gepflanztwerden erkältet.
Der Schnupfen hatte ihr zu schaffen gemacht, weil sie zu nasse Füße bekommen hatte.
Die anderen überholten sie beim Aufwachsen.
Manchmal lachten sie über sie und nannten sie »Zwerg«, denn die anderen Gleichaltrigen hatten alle schon viele Früchte und viele Blüten und reckten ihre Hälse hoch empor. Sie erzählten immer was sie schon alles Tolles sehen konnten und daß ihre Sicht bis weit zu den Gipfeln der Berge reichen würde. Manchmal gaben sie richtig an damit.
Wenn es ganz heiß war und sie besonders viel Durst hatte, dann sahen die anderen schon frühzeitig, wenn ein Mensch kam um Wasser zu bringen.

Dann begannen sie ihr immer Greuelgeschichten zu erzählen, daß es keinen Regen mehr geben würde und daß sich niemand mehr um sie kümmern würde, weil das Ausbleiben des Wassergießens oder die Verspätung ein sicheres Zeichen dafür wären. Die Großen kicherten sich dann heimlich in ihre Blätter, wenn sie sahen wie
ihr der Mut schwand und sie den Kopf hängenließ.
Die Großen waren sich jetzt natürlich viel zu schade, um sich auf so ein Experiment einzulassen.
Sie hatten gesagt »wer weiß was dabei herauskommt, nachher verderben wir uns unsere Figur oder wir bekommen einen krummen Stengel, weil die Last uns so drückt. Neinnein, wir sind schon Spitze, seht uns doch an. Noch mehr Früchte und Blüten können nun wirklich nicht an einer Pflanze allein hängen.«
Da konnte der Regenwurm nicht widersprechen, denn Wahrheit ist Wahrheit.
Sie jedoch war bereit mit den Tieren zusammenzuarbeiten, denn sie wollte gerne auch einmal Freunde um sich haben und nicht immer gehänselt werden, weil sie
die Nachzüglerin war.
Die anderen lachten sie aus.
»Du wirst schon sehen was du davon hast. Am Ende bist du kleiner als jetzt und vor Überarbeitung bist du braun und grau.«
Doch sie ließ sich nicht abbringen von ihrem Entschluß und sagte den Tieren zu.
Der Regenwurm und seine Begleiter zogen fröhlich zurück zu den anderen.
Die hatten sich gemütlich in den Schatten gelegt und
Siesta gehalten.

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Nun waren alle ganz aufgeregt die Neuigkeiten zu hören, denn es mußten gute Neuigkeiten sein, sonst wäre die Gruppe nicht fröhlich zurückgekehrt.
»Als erstes haben wir euch mitzuteilen, daß unsere Befragung ein Erfolg war. Wir haben eine Helferin gefunden. Sie heißt To und mit Familiennamen Mate.
Nein, nun mal im Ernst.
Sie heißt Malina und ist eine Tomate.
Sie heißt so, weil sie die Kleinste unter ihren Verwandten ist, aber sie ist fest entschlossen mit uns gemeinsam die Riesenfrucht zu machen.«
Erst gab es Beifall, dann meldete sich die Stinkwanze zu Wort.
»Wie bitte sehr soll der Zwerg unter den Tomaten die größte Frucht wachsen lassen?
Hat schon einmal einer von euch gesehen, daß die langsame Schnecke die Maus überholt hat?
Wenn die Tomate bis jetzt ein Zwerg geblieben ist und es noch nicht einmal geschafft hat so groß zu werden wie ihre Verwandten, wie will sie dann das Unmögliche möglich machen?«
Murmeln wurde laut.
»Ja genau.«
»Stimmt, was die Wanze sagt.«
»Das kann gar nicht funktionieren, da lassen wir uns ja auf eine Partnerschaft mit einem Verlierer ein.«
»Halt, halt,« rief der Regenwurm dazwischen, »nicht so vorschnell. Ich hab' eben gesagt, als Erstes, also gibt es auch ein Zweites.
Hört mich erst mal zu Ende an, bevor ihr der Wanze soviel Beifall gebt.
Als zweites haben wir sie zu unterstützen, das heißt wir haben mit dafür zu sorgen, daß es ihr nicht zu heiß wird in der Mittagshitze und daß sie fröhlich ist, falls ihr die
Arbeit einmal zuviel wird.«
»Puh, wie soll das denn gehen?« sagte die Wanze und rümpfte ihre Nase.
»Sollen wir uns etwa Eimer ausleihen bei den Menschen und Wasser herschleppen?
Oder meinst du, jeder von uns nimmt einen Mundvoll und spuckt es dann der Tomate vor die Füße?
Wie soll ich denn mit ihr mein Essen teilen, sie hat doch gar keine Zähne?
Und mittags nehmen wir uns dann am Besten alle bei den Füßen und bilden einen großen Sonnenschirm, nicht wahr?«
Jetzt brach ein Tumult los.
Vom herzhaften Lachen bis »Schwachsinn«-Schimpfen war alles zu hören.
Aber da ließ der Regenwurm wieder seine Stimme hören.
»Hört doch mal zu. Bleibt doch auf dem Boden. Geht doch nicht immer gleich in die Luft, auch wenn ihr Flügel habt. Es ist ganz einfach.
Jeder von uns macht nur das, was er sowieso immer macht. Er macht jetzt aber etwas davon als Hilfe für die Tomate. Die Wanze zum Beispiel könnte statt alles
alleine zu fressen, einen Teil davon an die Füße der Tomate legen und ebenso andere. Dann kann ich diesen Teil in die Erde ziehen und die Bakterien können ihn
umwandeln zu einem Leckerbissen für die Tomate, so daß sie ihr Essen ganz leicht zu sich nehmen kann, während die Großen sich mühsam selbst welches besorgen müssen.
Die Meisen und die anderen Vögel könnten ihr abwechselnd in der Mittagszeit kühle Luft zufächeln und wenn es ihr mal nicht so gut geht, weil sie sich zu sehr anstrengt, dann kann jeder von uns ihr ein Lied singen oder einen Witz erzählen oder ihr Mut
zusprechen, damit sie nicht nur das Gehänsel der Großen hört.
Damit die Tomate leichter ans Wasser kommt, grab' ich ihr ein paar ganz tiefe Kanäle, so daß sie nur noch ihre Wurzeln dort hinterherzulaufen lassen braucht. So
führ' ich sie direkt bis zum Grundwasser. Die Kraft, die sie dabei spart, weil sie nicht mühsam selbst ihre Wurzeln durch den Boden bohren muß, kann sie für die
Riesenfrucht aufbringen. Und damit nichts an die Frucht drankommen kann, sammeln die Mäuse Stroh und polstern den Boden dort wo sie zu liegen und
wachsen kommt.
Na, hört sich das nicht ganz vernünftig an?
Jeder macht nur das was er kann und nur soviel wie er möchte oder wieviel ihm eben unsere Gemeinschaft wert ist. Denn wenn unsere Gemeinschaft dauerhaft von allen getragen werden soll und keine Außenseiter oder Schmarotzer entstehen sollen, dann ist es wichtig, daß jeder sich immer bemüht alles zum Wohle der Gemeinschaft zu machen was in seinen Möglichkeiten liegt, allerdings ohne sich selbst zu vernachlässigen.
Das würde sonst irgendwann zu Unzufriedenheit führen, wenn derjenige bemerkt, daß er immer nur für die anderen dagewesen ist und alles für sie gemacht hat damit es ihnen gutgeht, aber niemals daran gedacht hat es auch sich selbst gutgehen zu lassen.
Das hat nämlich nichts mit Gemeinschaftssinn zu tun und mit Wohltäter sein, sondern mit Dummheit oder Unwissenheit. Dauerhaft kann eine Gemeinschaft nur
wirklich funktionieren, wenn jeder sich bemüht freiwillig ohne Bezahlung oder Gegenleistung etwas für die Gemeinschaft zu tun. Sobald das was getan wird aber aus Zwang oder aus Profitdenken getan wird, beginnt die Gemeinschaft zu zerfallen, weil dann schlechte Gedanken und Taten die Gemeinschaft zerstören.
Dann wird plötzlich auf Kosten anderer gelebt.
Dann wird sich Vorteil verschafft zum Leidwesen anderer aus der Gemeinschaft und es wird gelogen und betrogen.
Daher ist es viel besser Regeln für die Gemeinschaft zu haben und diejenigen, die sich nicht daran halten wollen, wegziehen zu lassen bevor die wie die Anaerobier alles zum Stinken bringen, so daß dann nur noch verdorbene Luft und böse Gedanken da sind.
Das heißt jeder von den Anwesenden beteiligt sich entweder freiwillig oder gar nicht an der Hilfsaktion für die Tomate. Bevor jemand mitmacht und sich jedes bißchen, das er als Hilfe leistet, vergolden läßt durch Darstellung wieviel er geleistet hat und wie opferbereit er war, soll er es lieber bleiben lassen. Er sollte sich dann lieber bei der Theatergruppe melden und auf der Bühne einen Applaus einfordern.
Die anderen werden machen was sie können, wann sie es können und wie sie es können, dann, wenn es in ihren Ablauf paßt und sie genügend Zeit dafür haben, ohne auf wichtige Dinge verzichten zu müssen. So wird es keine Probleme geben diese Aktion über lange Zeit funktionieren zu lassen und keiner wird nach einer Anfangszeit der Begeisterung die Lust verlieren, falls die Zeit des Abwartens und des Helfens vielleicht doch etwas länger wird als wir denken.

Wer von den Anwesenden ist also dafür mit der Tomate gemeinsam unseren Plan zu verwirklichen?«
Eins, zwei, drei waren alle Hände in der Luft oder die Füße oder die Flügel.
Keiner wollte außerhalb bleiben, denn alle hatten ja jetzt verstanden wie es funktionieren sollte.
Auch die große Wanzenfamilie mit ihrer Verwandtschaft hatte die Hände oben.
Die Stinkwanze grinste dabei ganz breit, so daß der Regenwurm darauf aufmerksam wurde und sie fragte was denn so lustig an der ganzen Sache sei, daß sie so
begeistert übers ganze Gesicht strahle.
»Na, das ist doch eine prima Lösung,« sagte sie, »wir machen alle mit und jeder macht nur soviel wie er machen möchte, dann wann er Zeit oder Gelegenheit oder Lust dazu hat. Das heißt, wenn ich nur ein einziges Mal ein Stückchen dorthin gebracht habe und dann nie mehr einen Zeh rühre, habe ich meinen Teil zum Ganzen geleistet genau wie du, der doch fünf Meter tiefe Gräben in die Erde bohrt.«
»Das ist wahr,« antwortete der Regenwurm, »wenn du meinst die Gemeinschaft ist dir nur soviel wert, daß du bloß ein einziges Mal die Zehen dafür rührst, dann machst du das eben so.
Vielleicht wirst du dann aber eines Tages spüren, daß du dich selbst zum Außenseiter gemacht hast und gar nicht mehr wirklich Anteil an der Gruppe hast. Vielleicht werden die anderen begeistert zusammenarbeiten und viel Freude daran haben und du wirst anfangen dich zu langweilen, weil du dich nur noch mit deinen
eigenen Sachen beschäftigst und nichts mehr hast, um es mit anderen zu teilen, denn wahrscheinlich fängst du dann auch an alles für dich selbst zu horten, auch dawas du gar nicht wirklich benötigst.
Und irgendwann sitzt du dann in deinem Haus, hasalles vollgestopft mit allem was du dir gewünscht und selbst erarbeitet hast und langweilst dich zu Tode, weil es keine neuen Anregungen und Aufgaben mehr gibt.
Dir geht es dann zwar theoretisch optimal, weil du rundum versorgt bist und alles hast, aber das Wichtigste fehlt dir dann.
Das sind wahre Freunde und Helfer in der Not, ein gemeinsames Ziel und der Austausch von viel Liebe, Freude und Harmonie miteinander. Trotz Heizung
fängst du dann an zu frieren, weil sich um dein Herz eine Mauer aus Eis bildet und irgendwann wirst du feindselig und böse den anderen gegenüber, weil du nicht ertragen kannst, daß sie miteinander lachen, scherzen, fröhlich sind, daß sie gemeinschaftliche Dinge machen und füreinander sorgen.
Du wirst anfangen neidisch zu sein auf ihr fröhliches Aussehen, auf ihre glücklichen Kinder, auf die warme Stimme, die sie haben und dann wirst du dich noch mehr zurückziehen aus der Gemeinschaft und jeden, der mit dir sprechen will, als Eindringling behandeln.
Tja und dann wirst du vollkommen allein sein, mitten in einer Gruppe oder Familie, nur weil du es so willst.
Du kannst aber wieder herauskommen, falls du noch dazu in der Lage bist.
Du öffnest deine Türen und Fenster und lüftest mal richtig durch, damit die bösen Gedanken und der Neid und die Mißgunst verschwinden.
Dann verschenkst du das, was du angehäuft hast und gar nicht wirklich brauchst, an Nachbarn oder Fremde, die es vielleicht dringend brauchen.

Dann grüßt du wieder freundlich alle und erwiderst ihre Worte.
Dann hilfst du jemandem, wenn du hörst daß er um Hilfe fragt oder in Not ist, ohne erst dreimal auf eine Einladung zu warten.
Und dann bist du da wo du heute stehst.
Du hast dann nur viel Zeit verplempert, die du anstatt unglücklich oder allein und verbittert in Zufriedenheit oder Gemeinschaft hättest verbringen können.«
»Tja,« lächelte die Stinkwanze etwas überheblich, »das mag wohl alles stimmen was du sagst, aber wenn mich keiner kontrolliert, dann kann ich ja kleine Hilfe mit Worten riesengroß machen, aus einer Stunde zehn, aus einem Blatt tausend machen. Dann bin ich doch mittendrin und ein ehrenwertes Teil der Gemeinschaft. Alle denken ich geb' mehr als genug. In Wirklichkeit kann ich mich dann in den Schatten legen und zusehen. Das ist doch wirklich schlau, oder etwa nicht?«
»Hier irrst du dich aber gewaltig,« mischte sich die Schnecke ein, »Lügen haben kurze Beine und irgendwann kommt durch einen Zufall heraus, daß du betrogen
und auf Kosten anderer gelebt hast oder großgeworden bist.
Dann hast du alles zurückzuzahlen, dann will keiner mehr was mit dir zu tun haben, dann vertraut dir niemand mehr und niemand wird dir auch nur ein Blatt zur Aufbewahrung anvertrauen.
Wenn du auf Kosten der Gruppe lebst, weil du ihre Hilfe erschwindelst oder sie benutzt um üble Dinge zu machen, dann gehörst du nicht in die Gemeinschaft,
dann ist es nur richtig wenn du aus ihr hinausgewiesen wirst, ohne Hilfen und ohne Ausreden, denn wenn du ganz geplant und gezielt und nicht aus Versehen alles
machst um den anderen zu schaden, sie auszunutzen und vielleicht ihre Nahrungsreserven aufzuessen oder den Vorrat für schlechte Zeiten, nur weil du zu faul oder bequem bist deine Zehen zu bewegen und vielleicht auch mal bei Regenwetter unter deinem Blatt hervorzukriechen wenn es nötig ist, dann bist du unbedingt aus der Gemeinschaft zu entfernen, denn du bist dann ein Faulpilz. Ein Faulpilz gehört aber zu abgestorbenem und leblosem Holz und nicht zu lebendem, denn lebendes Holz würde er vergiften, so daß es nach einer gewissen Zeit krank wird und andere Faultiere hinzukommen, die sich ein Beispiel an dir nehmen. Und wenn dann ganz viele Faulpilze da sind, bekommen alle im Baum Panik und beginnen möglichst viel für sich selbst in Sicherheit zu bringen, ohne daran zu denken, daß es nur darum geht die Faulpilze vom gesunden Holz zu entfernen und dahin zu bringen wo sie hingehören, nämlich dahin wo keine Gemeinschaft mehr lebendig ist. Dort können sie dann voll ihrem Vergnügen nachgehen und sich mit aller Macht bemühen das zu zersetzen und aufzulösen was noch an Struktur vorhanden ist.«
»Aber, aber,« sagte der Wanzenälteste, »Kinder, ihr werdet euch doch nicht streiten, das waren doch alles nur Fragen und Gedankenspiele. Wir Wanzen wissen doch was wir an unserer Gemeinschaft haben und daß es uns so viel besser geht als gejagt und vernichtet zu werden. Also gebt euch die Fühler und vertragt euch!«

Damit war die Diskussion beendet und der Entschluß einstimmig angenommen worden.
Auch der Fremde hatte zugestimmt und so gab es keinen Außenseiter mehr.
Bereits am Nachmittag begannen die Ersten, so wie sie Zeit und Lust hatten, mit ihrer Hilfe für die Tomate.
Als erstes wurden dort, wie auch an vielen anderen nachfolgenden Tagen, alte Laubstücke, winzige Ästchen, vertrocknete Gräser und vieles mehr was herumlag, hingetragen und in einem Kreis um den Wurzelhals herum abgelegt. Was zu groß war, wurde zerkleinert. Dazu benutzten einige Käfer ihre großen Zangen.
Dann war der Regenwurm an der Reihe. Er begann als erstes ein Loch in die Tiefe zu graben, damit die Tomate jederzeit selbst mit ihren eigenen Wurzeln Wasser aus der Tiefe holen konnte. Das ging natürlich nicht so schnell. Das war eine Aufgabe für mehrere Tage, denn er hatte ja keine leichte Strecke vor sich. Da gab es große Steine, die wegzubewegen waren und steinharten Erdboden, durch den er hindurch wollte um sein Ziel, das Grundwasser zu erreichen.
Er verabschiedete sich von den anderen, weil er ja nun für einige Zeit unter der Erdoberfläche verschwunden sein würde, wo er eigentlich zu Hause war.
Dann ging's los. Er fraß sich in den Boden hinein. Da er keine Hände hatte, konnte er nicht schaufeln und ohne Füße konnte er auch nicht lostreten. Für die anderen
wäre es harte Arbeit gewesen, für ihn war es schlemmern, je nachdem durch welches Gelände er kam. Er aß vorne den Boden auf, hinten schenkte er dem Boden lockeren Humus und gleichzeitig nahm er viele Bakterien mit auf die Reise und verteilte sie unterwegs, damit sie ihm helfen konnten. Den Gang befestigte er direkt, damit er nicht von selbst einstürzen konnte. So konnten die Wurzeln ganz schnell durch den freien Gang in die Tiefe wachsen. Unterwegs legte erimmer wieder kleine Proviantdepots an, damit die Wurzeln auch genügend zu essen hatten, um ihren Weg zügig gehen zu können. Denn natürlich ist es für die Wurzeln viel leichter, vorbereitetes Essen aufzunehmen als sich erst mal selbst mühsam alles
zusammenzusuchen und dann so vorzubereiten, daß es gegessen werden kann.
Was nützt denn eine große Nuß, die lecker schmeckt,wenn man nichts dabeihat um die Nußschale zu knacken?
Was nützt einem das leckerste Blatt, wenn man keine Zähne hat um es zu essen?
So aber brauchten sich die Wurzeln nicht lange mit Essenszubereitung aufzuhalten und nach einem kurzen Imbiß ging es dann immer gleich weiter auf dem Weg zum Grundwasser.
Während der Regenwurm sich in die Tiefe durchschlemmerte, bemühten sich seine Verwandten an der Oberfläche in der Nacht, um all die kleinen Blattstückchen und das andere Herbeigebrachte unter die Erdoberfläche zu ziehen. Dabei schafften sie es sogar, große Blätter durch ihre Gänge herunterzuziehen.
Sie waren nämlich so schlau, daß sie sie mit der spitzen Seite zuerst in das Loch zogen. Gemeinsam mit den Bakterien machten sie daraus Humus, der gleichzeitig als Nahrung für die Tomate diente, aber auch als Wasserspeicher, wenn es regnete oder gegossen wurde und gleichzeitig als Lüftung, falls es mal zu feucht wurde.
So war die Umgebung an den Wurzeln der Tomate für sie immer bestens.
Nach einigen Tagen konnten die Menschen sehen, daß eine Veränderung eintrat in ihrem Garten.
Die kleine Tomate, die oftmals so aussah als ob sie es nicht mehr schaffen würde den Sommer zu überleben, bekam überall neue grüne Blattspitzen. Nicht nur das, auch unzählige Blüten entstanden zwischen ihren Blättern. Es war nicht zu übersehen. Da hatte sich jemand erholt und wollte wohl im Eilspurt das Nichterlebte nachholen. Die Menschen freuten sich über diese Entwicklung, weil sie immer an die Tomate geglaubt und sie nicht aus dem Boden genommen hatten, als sie damals am Ende zu sein schien.
Wie nun der Zufall es wollte, kümmerten sich die Menschen besonders liebevoll um diese Tomate und legten ihr reichlich Kompost vor die Füße und gaben ihr zweimal täglich, soweit sie Zeit dazu hatten, ausreichend Wasser. In weiser Voraussicht bauten sie auch ein Gestell aus Schilfrohren, um sie daran anbinden zu können, falls sie so groß werden würde wie ihre Verwandten. Alle freuten sich mit der Tomate, bis auf ihre Verwandten, die argwöhnisch herabsahen, weil sie befürchteten die kleine Tomate könnte sie überflügeln oder angesehener werden als sie. Wo immer es ging,
versuchten sie ihr den Mut zu nehmen und sie mit Worten daran zu hindern sich auf ihre Aufgabe zu konzentrieren und fest an das gemeinsame Ziel zu glauben.
Doch die Vögel und anderen Tiere kamen dann geschwind herbei und sangen einfach dazwischen und machten der Tomate Mut.
Nach einer Woche gab es große Freude unter den Tieren und den Menschen und natürlich bei der Tomate selbst, denn eine winzig kleine Babytomate war zu sehen und kaum war sie sichtbar, da liefen auch schon die Mäuse geschwind und holten Stroh und Reisig, damit die Babytomate weich, trocken und gemütlich
liegen konnte, um groß zu werden. Die Tomate lachte als sie das sah und sagte, »das ist doch viel zu früh, noch ist sie viel zu klein um an den Boden heranzukommen. Das dauert noch Wochen bis es soweit ist.«
Aber da sollte sie sich irren, denn dank der guten Ernährung, der lieben Worte und vieler anderer Hilfen lag die Babytomate bereits eine Woche später auf ihrem Polsterbett und lächelte vergnügt jeden an, der in ihre Nähe kam. Jeder hätschelte sie so gut er konnte und jetzt waren alle gespannt wie groß sie werden würde.
Eine weitere Woche verging und noch eine und noch eine, aber sie wollte nicht gelb werden. Inzwischen hatte sie die runden Zucchinis schon längst überholt, was die Größe betraf. Ihre Verwandten wurden gelb vor Neid, aber das störte sie nicht, denn sie hatte ja von den Tieren und der Tomatenpflanze erfahren wie sie vorher zu ihr gewesen waren und weil sich alle so besonders lieb und nett verhielten, hatte sie auch noch gar keine Lust den Garten zu verlassen. Sie wußte ja, daß nach dem grün sein hinter den Ohren das Gelbwerden folgt und wenn man dann rot und
erwachsen war, dann hieß es Abschied nehmen von all den Freunden und der Tomate, denn das hatte sie bei den anderen beobachtet. Die wurden dann immer ganz vorsichtig abgeholt und zu vielen in einen Flechtkorb getan und verließen so
den Garten. Zurück kam keine von ihnen. Doch niemand war traurig, denn der Sinn des Tomatenlebens war ja erwachsen zu werden und dann entweder zu sterben, um mit den Samen vielen neuen Tomatenpflanzen das Leben zu schenken oder Tieren
und Menschen als Nahrung zu dienen als Beitrag zum Miteinander. Dafür wurden sie schließlich liebevoll gepflegt und versorgt und bekamen, auch wenn andere wenig zu
trinken hatten, immer genügend Wasser. Die grüne Tomate wollte aber noch nicht erwachsen werden. Sie wollte lieber noch in ihrem Nestchen aus Stroh bleiben bei ihrer Tomatenpflanze und die Zeit mit den Freunden verbringen.
Inzwischen waren schon viele Menschen auf sie
aufmerksam geworden, denn es hatte sich natürlich herumgesprochen, daß in diesem Garten eine grüne Tomate die Zucchinis an Größe überholt hatte.
Sie hörte da manche sagen »wahrscheinlich ist die innen ganz wäßrig und schmeckt gar nicht« oder »bestimmt wird die gar nicht erst reif, sondern fault
vorher schon.« Andere sagten »die müßt ihr ausstopfen lassen bevor
sie reif ist oder angefressen wird.« Doch die meisten freuten sich einfach nur über den Anblick und wollten mehr erfahren darüber wie biodynamischer Gartenbau funktioniert und wie man als Gemeinschaft zusammenleben kann, ohne daß Kunstdünger und Gifte verwendet werden.
Die grüne Tomate ließ sich nicht verunsichern. Sie wollte noch ein wenig zu Hause bleiben. Die Tiere waren mächtig stolz auf »ihre« Tomate, wie sie sie liebevoll nannten und selbst die Stinkwanze war begeistert. Jetzt würde sich niemand mehr daran machen auf die Idee zu kommen hier Gift zu verwenden gegen die
damals Fremden. Die hatten sich ja inzwischen nach dem offenen Gespräch geändert und den Regeln und Gewohnheiten im Garten angepaßt. Sie waren umgezogen an den Rand des Gartens in das Gebüsch, so daß sie
niemanden mehr stören konnten und doch im Garten waren.
Drei weitere Wochen vergingen. Im Garten lag ein großer roter Kürbis.
Doch es war gar kein Kürbis. Es war eine lachende rote Tomate.
Inzwischen war der Sommer vorüber und der Herbst hatte begonnen. Da hatte sich die Tomate entschlossen erwachsen zu werden, denn im Herbst beginnt die
Ruhezeit nach der vielen Arbeit im Sommer und all ihre Freunde wollten sich ja auch noch auf den Winter vorbereiten. Sie hatte alle Erwartungen mehr als erfüllt
und niemand hänselte mehr ihre Tomatenpflanze.

Jetzt hatten alle begriffen, daß miteinander teilen zu mehr Erfolg führt als alleine zu wirken. Deshalb gab es bereits für das nächste Jahr die Absprache, daß die anderen Pflanzen sich auch anschließen mochten, um mit den Tieren gemeinsam zu
wachsen. Sie stellten dafür den Tieren in Aussicht einen größeren Teil an Nahrung zu erhalten als bisher und für sie selbst würde die Saison leichter und
aufregender sein. Als die Zeit gekommen war Abschied zu nehmen,
wurden noch viele Bilder gemacht von Tomatenpflanze und Riesentomate und manch wichtiger Mann wollte beide mit sich nehmen, um sie im Labor zu zerlegen,
das Geheimnis zu enträtseln und das Gesehene industriell verwenden zu können.
Aber das ließen die Menschen in Rico Plage nicht zu. Sie freuten sich darauf, die Riesentomate bei einem gemeinsamen Fest essen zu können. Als es Zeit war zu gehen, fand sie im Korb keinen Platz. Ein großer Karren wurde geholt und weich
ausgepolstert, damit sie auf die Reise gehen konnte. Mit großem Hallo verabschiedeten sich alle voneinander und freuten sich, ihr Ziel gemeinsam verwirklicht zu haben, denn ohne die Hilfe von allen wäre das nicht
möglich gewesen. Hätte die Riesentomate keine Freude am Umgang mit
allen anderen gehabt, wäre sie nie so groß geworden. Hätte die Tomate nicht den Mut gehabt sich auf das gemeinsame Ziel mit den Tieren einzulassen, wäre es
ihr vielleicht noch schlecht ergangen und ohne die Riesentomate hätte es vielleicht doch jemanden gegeben, der aus Ärger oder Unverständnis mit der Keule im Garten aufgeräumt hätte, anstatt die Tiere das selbst regeln zu lassen. So gab es nur viele Gewinner, aber keinen einzelnen, denn alle hatten gemeinsam das Ziel realisiert und die, die vorher skeptisch gewesen waren oder ablehnend, brannten jetzt darauf im nächsten Jahr auch dabeisein zu können.
Die Fremden waren im Laufe des Sommers zu Freunden geworden. Sie halfen mit wo sie konnten und verletzten niemals die Regeln. Sie hörten auf, ihre
Häuser einzuspinnen und wählten eine andere Art der Behausung, die keine Probleme bereitete.
Von der Riesentomate sprach man noch Jahre später. Hätte es keine Bilder gegeben und keine Augenzeugen, die sie selber gegessen haben, dann hätte man gesagt alles wäre nur Einbildung gewesen. So aber war es ein Signal für jeden, daß für alle genügend Nahrung auf dieser Erde vorhanden sein kann ohne Chemie und Gift, wenn sie bereit sind Hand in Hand und Fuß an Fuß zusammenzuarbeiten und
begreifen, daß es nur viele Gewinner geben kann und keine Verlierer, wenn fair geteilt wird.
Doch eines ist am Ende noch zu sagen. Natürlich wuchsen im nächsten Jahr aus den Samen der Riesentomate neue Tomaten und die hatten von ihrer Muttertomate die Botschaft empfangen, daß es Freude macht mit anderen gemeinsam zu leben und zur Freude und Belohnung zu wachsen, so daß sie auch größer wurden als früher ihre Verwandten und das ganz ohne daß ein Mensch in einem Labor unter einem Mikroskop an ihnen herumgefummelt hätte, um vielleicht ein Kürbisgen zusammen mit einem Elefantengen in eine Tomate hineinzuzwingen, damit sie riesengroß wird. Wenn die Natur es möchte, kann sie jederzeit riesengroß werden, doch die Voraussetzung dafür ist, daß im Umfeld alles harmonisch und in Ordnung ist. Doch wichtig ist zu wissen, daß faule Pilze auch Riesentomaten gefährlich werden können, dann hat niemand mehr etwas von der Frucht, außer den faulen
Pilzen.
Was macht da ein guter Gärtner? Er hat immer ein wachsames Auge und ein offenes Ohr und bringt faulen Pilzen frühzeitig bei, was der Unterschied
ist zwischen gesundem Holz und krankem, zwischen miteinander leben und das Miteinander auflösen. Nur wenn schon ganz früh darauf geachtet wird, daß
faule Pilze sich nicht entwickeln können, dann bleibt der Baum gesund.
Was nützt einem all das gemeinsame arbeiten, sich bemühen und Ziel erreichen, wenn am Ende ein fauler Pilz sich die Riesentomate holt und alle anderen leer
ausgehen.


Copyright 2007 Ina Schimpf
'Abenteuer auf Rico Plage' Verlag Edition Ponte Novu